top of page

Haarausfall durch Medikamente: Welche Mittel ihn auslösen und was dann zu tun ist

28. Okt.
8 Min. Lesezeit

Wer neue Tabletten einnimmt, denkt selten daran, dass sie Monate später die Haare ausdünnen könnten. Genau das ist bei einer ganzen Reihe von Medikamenten möglich. Der Haarausfall setzt oft so verzögert ein, dass niemand mehr an das neue Präparat denkt, und er wird dann auf Stress, das Alter oder die Jahreszeit geschoben. Dabei lässt sich ein solcher Zusammenhang in vielen Fällen gut erkennen und klären. Eine strukturierte Haaranalyse hilft dabei, zwischen einem medikamentös ausgelösten und einem erblich bedingten Haarausfall zu unterscheiden, denn beide erfordern unterschiedliche Konsequenzen.

Dieser Artikel erklärt, auf welchem Weg Medikamente das Haarwachstum stören, welche Wirkstoffgruppen häufiger beteiligt sind und warum der Zusammenhang so oft übersehen wird. Er beschreibt, wie sich der Verdacht prüfen lässt, warum ein Medikament nie eigenmächtig abgesetzt werden sollte und wie lange es dauert, bis die Haare zurückkehren.


Mann mit Bart und dunklem Haar im dunklen Hemd vor dunklem Hintergrund, nachdenklich mit der Hand am Kinn, Symbolbild zum Thema Haarausfall durch Medikamente, diffuser Haarausfall, Nebenwirkung


Wie Medikamente das Haarwachstum stören

Jedes Haar durchläuft einen Zyklus aus Wachstumsphase, Übergangsphase und Ruhephase. Am Ende der Ruhephase fällt das alte Haar aus, und im selben Follikel beginnt ein neues zu wachsen. Normalerweise befindet sich der größte Teil der Kopfhaare in der Wachstumsphase. Medikamente können diesen Zyklus an zwei Stellen stören, und je nachdem, wo sie ansetzen, sieht der Haarausfall sehr unterschiedlich aus.


Der verzögerte Haarausfall

Bei den meisten Medikamenten werden mehr Haare als üblich vorzeitig aus der Wachstumsphase in die Ruhephase geschickt. Fachleute sprechen von einem telogenen Effluvium. Da die Ruhephase etwa zwei bis vier Monate dauert, fallen die betroffenen Haare erst mit dieser Verzögerung aus. Der Haarausfall beginnt also typischerweise zwei bis vier Monate nach dem Start eines neuen Medikaments oder einer Dosiserhöhung.

Dieser Haarausfall ist diffus, er betrifft den ganzen Kopf und nicht einzelne Stellen. Viele Betroffene finden plötzlich deutlich mehr Haare im Abfluss, auf dem Kopfkissen oder in der Bürste. Kahle Flecken entstehen nicht. Die Follikel selbst bleiben bei dieser Form intakt, weshalb die Haare in aller Regel nachwachsen, sobald der Auslöser wegfällt und sich der Zyklus wieder einpendelt.


Der schnelle Haarausfall

Anders verhält es sich bei Wirkstoffen, die die Zellteilung direkt hemmen, vor allem bei vielen Mitteln der Chemotherapie. Sie treffen die Haarwurzel mitten in der Wachstumsphase, in der sich ihre Zellen besonders schnell teilen. Das Haar bricht ab oder fällt aus, ohne vorher in die Ruhephase zu wechseln. Man spricht von einem anagenen Effluvium, das bereits innerhalb weniger Tage bis Wochen einsetzt.

Dieser Haarausfall ist meist ausgeprägter und kann neben der Kopfhaut auch Augenbrauen, Wimpern und Körperhaare betreffen. Auch hier bleiben die Stammzellen des Follikels in der Regel erhalten. Nach dem Ende der Behandlung wachsen die Haare deshalb meist wieder nach, wobei sich Farbe und Struktur vorübergehend verändern können. Manche Menschen bemerken danach etwa lockigeres oder helleres Haar als zuvor.


Welche Medikamente häufig in Frage kommen

Die Liste der Wirkstoffe, bei denen Haarausfall als mögliche Nebenwirkung beschrieben ist, ist lang. Das bedeutet nicht, dass jeder, der eines dieser Mittel einnimmt, Haare verliert. Bei den meisten Wirkstoffen ist Haarausfall selten und tritt nur bei einem kleinen Teil der Behandelten auf. Einige Gruppen fallen in der Praxis aber immer wieder auf und verdienen besondere Aufmerksamkeit.


Blutverdünner, Blutdrucksenker und Herzmedikamente

Zu den bekannteren Auslösern gehören gerinnungshemmende Mittel wie Heparin und die Cumarine. Auch Betablocker, die bei Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden, und einige andere Blutdrucksenker werden mit diffusem Haarausfall in Verbindung gebracht. Bei Cholesterinsenkern ist der Zusammenhang seltener beschrieben. Gerade bei diesen Medikamenten ist ein eigenmächtiges Absetzen gefährlich und kommt nicht in Frage.

Wichtig ist, den zeitlichen Ablauf genau zu betrachten. Wer ein solches Mittel seit vielen Jahren unverändert einnimmt und erst jetzt Haare verliert, hat wahrscheinlich eine andere Ursache. Wer dagegen vor drei Monaten ein neues Präparat begonnen oder die Dosis erhöht hat, sollte den möglichen Zusammenhang mit dem behandelnden Arzt besprechen und gemeinsam nach Alternativen suchen.


Mittel gegen Akne, Epilepsie und seelische Erkrankungen

Retinoide, also Abkömmlinge von Vitamin A wie Isotretinoin gegen schwere Akne oder Acitretin gegen Schuppenflechte, können das Haar ausdünnen. Dasselbe gilt für hochdosiertes Vitamin A aus Nahrungsergänzungsmitteln. Unter den Antiepileptika ist besonders die Valproinsäure für Haarausfall und Veränderungen der Haarstruktur bekannt. Auch Lithium, das bei bestimmten seelischen Erkrankungen eingesetzt wird, kann das Haar beeinflussen.

Einige Antidepressiva und Mittel gegen Psychosen werden ebenfalls in Berichten über Haarausfall genannt, allerdings deutlich seltener. Bei diesen Medikamenten kommt hinzu, dass die zugrunde liegende Erkrankung selbst und die damit verbundene Belastung einen Haarausfall auslösen können. Ob das Medikament oder die Erkrankung verantwortlich ist, lässt sich dann oft nur im Verlauf und gemeinsam mit dem behandelnden Arzt beurteilen.


Hormone und hormonell wirkende Mittel

Hormone greifen besonders direkt in das Haarwachstum ein. Präparate mit Testosteron oder ähnlich wirkenden Substanzen, auch solche, die ohne ärztliche Verordnung zum Muskelaufbau eingenommen werden, können einen erblich angelegten Haarausfall deutlich beschleunigen. Bei Frauen können Verhütungsmittel mit Gestagenen, die eine männliche Hormonwirkung haben, ähnlich wirken. Auch das Absetzen einer Pille kann einen vorübergehenden Schub auslösen.

Zu den hormonell wirkenden Mitteln gehören außerdem Medikamente gegen eine Überfunktion oder Unterfunktion der Schilddrüse, wenn die Einstellung noch nicht stimmt. Auch Medikamente zur Gewichtsreduktion werden zunehmend mit Haarausfall in Verbindung gebracht. Dort dürfte allerdings vor allem der rasche Gewichtsverlust selbst der Auslöser sein, ähnlich wie bei einer strengen Diät, und weniger eine direkte Wirkung auf den Follikel.


Warum der Zusammenhang oft übersehen wird

Der wichtigste Grund ist die Verzögerung. Zwischen dem Beginn eines Medikaments und dem sichtbaren Haarausfall liegen beim telogenen Effluvium meist mehrere Monate. In dieser Zeit hat man sich an das neue Präparat gewöhnt, und es kommt kaum jemand auf die Idee, die beiden Ereignisse miteinander zu verbinden. Auch der verordnende Arzt erfährt oft nichts von den ausfallenden Haaren.

Hinzu kommt, dass Medikamente selten allein stehen. Wer ein neues Mittel bekommt, hatte meist auch einen Anlass dafür, etwa eine Erkrankung, eine Operation oder eine belastende Lebensphase. Jeder dieser Anlässe kann für sich genommen Haarausfall auslösen. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen, und der Anteil des Medikaments lässt sich nicht genau beziffern, sondern nur abschätzen.

Schließlich kann ein Medikament einen erblich bedingten Haarausfall sichtbar machen, der ohnehin begonnen hätte. Der Schub beschleunigt dann einen Prozess, der schon im Gang war. Wenn das Medikament abgesetzt oder ersetzt wird, kehrt in diesem Fall nicht die frühere Dichte zurück, sondern nur der Zustand, den der erbliche Haarausfall zu diesem Zeitpunkt erreicht hat.


Wie sich der Verdacht ärztlich prüfen lässt

Die wichtigste Untersuchung ist ein sorgfältiges Gespräch mit einer vollständigen Medikamentenliste. Dazu gehören auch Nahrungsergänzungsmittel, frei verkäufliche Präparate, hormonelle Verhütung und Substanzen zum Muskelaufbau. Entscheidend ist der Zeitstrahl: Wann wurde welches Mittel begonnen, abgesetzt oder in der Dosis verändert, und wann setzte der Haarausfall ein. Aus dieser Übersicht ergibt sich oft schon ein deutlicher Hinweis.

Die Untersuchung der Kopfhaut zeigt, ob ein diffuser Haarausfall mit gleichmäßig dicken Haaren vorliegt oder ob zusätzlich feine, geschrumpfte Haare auf einen erblich bedingten Haarausfall hindeuten. Ein leichter Zupftest, bei dem sich auffällig viele Haare lösen, spricht für einen akuten Schub. Blutuntersuchungen auf Eisenspeicher, Schilddrüsenwerte und bei Bedarf Hormone schließen andere Ursachen aus, die ähnlich aussehen.

Ein Beweis im strengen Sinn ist selten möglich. Häufig bleibt es bei einer begründeten Wahrscheinlichkeit, die sich erst bestätigt, wenn sich das Haar nach einem Wechsel des Präparats erholt. Diese Unsicherheit offen anzusprechen, gehört zu einer ehrlichen Einschätzung. Sie schützt auch davor, ein wirksames und notwendiges Medikament vorschnell für den Haarausfall verantwortlich zu machen.


Was zu tun ist, wenn ein Medikament verdächtig ist

Der wichtigste Grundsatz lautet: Ein verordnetes Medikament wird nie eigenmächtig abgesetzt. Blutverdünner, Herzmedikamente, Antiepileptika oder Mittel gegen seelische Erkrankungen schützen vor ernsten Folgen, die schwerer wiegen als ein vorübergehender Haarausfall. Der richtige Weg führt immer über den Arzt, der das Medikament verordnet hat. Er kennt die Gründe für die Behandlung und mögliche Alternativen.

In vielen Fällen gibt es innerhalb derselben Wirkstoffgruppe oder in einer anderen Gruppe ein Präparat, das ähnlich gut wirkt und das Haar weniger beeinträchtigt. Manchmal genügt auch eine Anpassung der Dosis. Bei Nahrungsergänzungsmitteln mit hohem Vitamin-A-Gehalt oder bei Substanzen zum Muskelaufbau, die ohne Verordnung eingenommen werden, ist die Entscheidung einfacher: Sie sollten beendet werden.

Wenn ein Medikament weiter notwendig ist und es keine Alternative gibt, bleibt oft nur, den Haarausfall zu begleiten. Eine schonende Haarpflege, ein ausgeglichener Eisenhaushalt und eine ausreichende Eiweißzufuhr schaffen gute Voraussetzungen für das Nachwachsen. Bei einem gleichzeitig bestehenden erblichen Haarausfall kann eine gezielte Behandlung sinnvoll sein, die mit der übrigen Medikation abgestimmt wird.

Hilfreich ist es, Fotos des Kopfes in regelmäßigen Abständen unter gleichen Bedingungen aufzunehmen. So lässt sich nach einem Wechsel des Präparats objektiv beurteilen, ob der Haarausfall nachlässt und die Dichte zurückkehrt. Erinnerungen und Eindrücke im Spiegel täuschen in solchen Phasen leicht, weil jedes ausgefallene Haarbüschel stärker im Gedächtnis bleibt als das langsame Nachwachsen.


Wie lange es dauert, bis die Haare zurückkommen

Nach dem Absetzen oder dem Wechsel eines auslösenden Medikaments hört der Haarausfall nicht sofort auf. Die Haare, die bereits in die Ruhephase geschickt wurden, fallen noch aus. Erst nach etwa zwei bis drei Monaten normalisiert sich der Haarausfall in der Regel. Diese Phase ist für viele Betroffene schwer auszuhalten, weil die Umstellung scheinbar nichts bewirkt.

Das Nachwachsen braucht danach weitere Zeit. Kopfhaar wächst etwa einen Zentimeter im Monat, und die neuen Haare sind anfangs fein und kurz. Bis die frühere Dichte optisch wieder erreicht ist, vergehen meist sechs bis zwölf Monate, bei langen Haaren auch länger. Kurze, nachwachsende Haare am Scheitel und am Haaransatz sind in dieser Phase ein gutes Zeichen.

Bleibt eine Besserung nach etwa sechs Monaten aus, obwohl der Auslöser beseitigt wurde, lohnt sich eine erneute Untersuchung. Dann ist zu prüfen, ob eine zweite Ursache vorliegt, etwa ein unbemerkter Eisenmangel, eine Schilddrüsenstörung oder ein erblich bedingter Haarausfall, der durch den Schub erst sichtbar geworden ist. Die Behandlung richtet sich dann nach dieser Ursache.


Wenn der Haarausfall bleibt

Hat ein Medikament einen erblich bedingten Haarausfall beschleunigt, bleibt die verlorene Dichte an den betroffenen Stellen oft dauerhaft verringert. Dann stehen dieselben Wege offen wie beim erblichen Haarausfall ohne medikamentösen Auslöser. Dazu gehören Wirkstoffe wie Minoxidil oder bei Männern Finasterid, deren Einsatz mit der übrigen Medikation abgestimmt werden muss, um Wechselwirkungen zu vermeiden.

Bei stabilen, klar begrenzten lichten Bereichen kann später auch eine Haartransplantation in Betracht kommen. Voraussetzung ist, dass der Haarausfall zur Ruhe gekommen ist und der Spenderbereich am Hinterkopf ausreichend dicht ist. Während ein Medikament noch aktiv Haarausfall auslöst oder kurz nach einem Schub ist der Zeitpunkt dafür ungünstig, weil sich das endgültige Bild erst nach Monaten zeigt.

Für eine solche Planung ist eine ehrliche Bestandsaufnahme wichtig. Sie berücksichtigt die Grunderkrankung, die notwendigen Medikamente und die Frage, ob ein Eingriff aus ärztlicher Sicht überhaupt sinnvoll ist. Bei manchen Erkrankungen, etwa unter einer dauerhaften Blutverdünnung, muss ein Eingriff besonders sorgfältig vorbereitet oder im Zweifel ganz unterlassen werden.


Haarausfall während einer Chemotherapie

Eine Sonderstellung nimmt die Chemotherapie ein. Hier ist der Haarausfall bei vielen Behandlungsschemata zu erwarten und wird vorab besprochen. Bei bestimmten Therapien kann eine Kühlung der Kopfhaut während der Infusion den Haarausfall verringern, weil die Durchblutung der Haarwurzeln sinkt und weniger Wirkstoff dort ankommt. Ob das im Einzelfall möglich ist, entscheidet das onkologische Behandlungsteam.

In den meisten Fällen wachsen die Haare nach dem Ende der Chemotherapie wieder nach, die ersten feinen Haare oft schon nach wenigen Wochen. Nur nach wenigen speziellen Behandlungen bleibt ein dauerhafter Haarverlust zurück. Für die Zeit bis zum Nachwachsen gibt es Perücken, Tücher und Mützen. Eine Haartransplantation spielt in dieser Phase keine Rolle.


Fazit: Der Zeitstrahl ist der wichtigste Hinweis

Haarausfall durch Medikamente ist häufiger, als viele denken, und wird oft übersehen, weil er erst Monate nach dem Beginn eines Präparats einsetzt. Meist handelt es sich um einen diffusen Haarausfall, bei dem die Follikel intakt bleiben und die Haare nach Beseitigung des Auslösers nachwachsen. Ein genauer Abgleich zwischen Medikamentenliste und Beginn des Haarausfalls liefert den entscheidenden Hinweis.

Ein verordnetes Medikament wird dennoch nie eigenmächtig abgesetzt, sondern immer gemeinsam mit dem behandelnden Arzt angepasst oder ersetzt. Bis die frühere Dichte zurückkehrt, vergehen meist sechs bis zwölf Monate. Wer unsicher ist, ob hinter dem eigenen Haarausfall ein Medikament, eine andere Ursache oder eine Veranlagung steckt, kann ein Gespräch über die Kontaktseite vereinbaren.


Passend dazu

 
 
bottom of page