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Haarausfall nach der Schwangerschaft: Verlauf und Einordnung

vor 4 Stunden
8 Min. Lesezeit

Drei Monate nach der Geburt bleiben plötzlich ganze Büschel in der Bürste, und beim Waschen lösen sich Haare in einer Menge, die erschreckt. Viele Frauen erleben das in einer Zeit, in der ohnehin wenig Ruhe herrscht, und fragen sich, ob etwas ernsthaft nicht stimmt. In den allermeisten Fällen handelt es sich um einen gut bekannten und vorübergehenden Vorgang, der einem klaren zeitlichen Muster folgt. Trotzdem lohnt es sich, die Grenzen dieses Musters zu kennen und zu wissen, ab wann ein ärztlicher Befund sinnvoll wird.

Dieser Artikel erklärt, warum das Haar während der Schwangerschaft voller wirkt, was sich nach der Geburt hormonell ändert und in welchem Zeitraum sich der Ausfall üblicherweise wieder beruhigt. Er benennt außerdem die Begleitfaktoren, die den Verlauf verlängern können, und die Anzeichen, bei denen eine Abklärung angebracht ist.


Frau im Porträt, Symbolbild zum Thema Haarausfall nach der Schwangerschaft, postpartaler Haarausfall, Verlauf und Abklärung


Warum das Haar in der Schwangerschaft voller wirkt

Haare wachsen nicht gleichmäßig, sondern in Zyklen. Jedes einzelne Haar durchläuft eine Wachstumsphase über mehrere Jahre, eine kurze Übergangsphase und eine Ruhephase von einigen Monaten, an deren Ende es ausfällt und ein neues Haar nachrückt. Zu jedem Zeitpunkt befindet sich nur ein kleinerer Teil der Kopfhaare in dieser Ruhephase, der große Rest wächst.

In der Schwangerschaft verschiebt sich dieses Verhältnis. Der erhöhte Östrogenspiegel verlängert die Wachstumsphase, sodass Haare, die sonst längst ausgefallen wären, weiter im Follikel bleiben. Es fallen also weniger Haare aus als gewohnt, während neue nachwachsen. Das Ergebnis ist ein sichtbar dichteres, oft auch kräftiger wirkendes Haar.

Dieser Zustand ist allerdings nicht der Normalzustand, sondern eine Ausnahme auf Zeit. Die Haare, die während der Schwangerschaft im Kopf bleiben, sind gewissermaßen aufgeschoben. Sie sind nicht zusätzlich gewachsen, sie sind nur nicht abgefallen. Genau darin liegt der Schlüssel zu dem, was nach der Geburt geschieht.


Was nach der Geburt passiert

Mit der Geburt fällt der Östrogenspiegel innerhalb weniger Tage stark ab. Die Verlängerung der Wachstumsphase entfällt damit. Die aufgeschobenen Haare treten nun gemeinsam in die Ruhephase ein, statt sich wie sonst über Monate zu verteilen. Der Zyklus holt gewissermaßen nach, was in der Schwangerschaft ausgesetzt hat.

Das Ausfallen selbst geschieht nicht sofort. Zwischen dem Eintritt in die Ruhephase und dem tatsächlichen Verlust des Haares liegen einige Wochen bis Monate. Deshalb bemerken die meisten Frauen den Ausfall erst deutlich nach der Geburt, oft zu einem Zeitpunkt, an dem sie ihn nicht mehr damit in Verbindung bringen.

Fachlich heißt dieser Vorgang telogenes Effluvium, also ein vermehrter Verlust von Haaren, die sich in der Ruhephase befinden. Er ist kein Zeichen einer Erkrankung des Haarbodens und kein erblich bedingter Haarausfall. Die Follikel bleiben erhalten und sind weiterhin in der Lage, neue Haare zu bilden.

Für die Einordnung im Alltag ist eine Unterscheidung hilfreich. Die Haare lösen sich nicht, weil sie geschädigt wären, sondern weil sie ihren Zyklus regulär beendet haben. Die Bürste zeigt also, was der Körper ohnehin abgestoßen hätte, nur in einem ungewohnt kurzen Zeitraum gebündelt statt über das Jahr verteilt.


Der zeitliche Verlauf: Beginn, Höhepunkt, Ende

Der Ausfall setzt typischerweise einige Monate nach der Geburt ein. Er beginnt meist nicht schleichend, sondern fällt von einem Tag auf den anderen auf, weil sich beim Waschen oder Bürsten auf einmal deutlich mehr Haare lösen als gewohnt. Der Abstand zur Geburt führt dazu, dass der Zusammenhang oft übersehen wird.

In den folgenden Wochen erreicht der Verlust seinen Höhepunkt, danach nimmt er allmählich ab. Bei den meisten Frauen beruhigt sich der Zyklus im Laufe des ersten Jahres nach der Geburt wieder, ohne dass etwas dafür getan werden müsste. Die Follikel nehmen ihre gewohnte Arbeit von selbst wieder auf.

Bis das Haar optisch wieder so aussieht wie zuvor, vergeht allerdings mehr Zeit, denn nachwachsendes Haar braucht Monate bis zu einer sichtbaren Länge. Kurze, aufrecht stehende Härchen entlang der Stirnlinie sind daher ein gutes Zeichen. Sie zeigen, dass der Nachschub bereits läuft, auch wenn die Fülle noch fehlt.


Wie stark der Ausfall normalerweise ist

Wie viele Haare täglich verloren gehen, lässt sich zu Hause kaum verlässlich zählen. Ein gewisser täglicher Verlust gehört zum normalen Zyklus und fällt im Alltag gar nicht auf. Nach der Geburt liegt die Menge vorübergehend deutlich darüber, ohne dass daraus ein krankhafter Befund wird.

Entscheidend ist weniger die Menge als das Muster. Beim postpartalen Verlauf dünnt das Haar diffus über den gesamten Kopf aus, häufig mit einer Betonung an den Schläfen und entlang der vorderen Haarlinie. Scharf begrenzte kahle Stellen oder runde Herde gehören ausdrücklich nicht zu diesem Bild.

Auch die eigene Wahrnehmung spielt eine Rolle. Nach Monaten mit ungewöhnlich dichtem Haar wirkt die Rückkehr zum eigenen Ausgangszustand stärker, als sie tatsächlich ist. Ein Teil dessen, was als Verlust erlebt wird, ist der Wegfall einer vorübergehenden Fülle und kein Verlust gegenüber der Zeit vor der Schwangerschaft.

Hilfreich ist deshalb eine schlichte Dokumentation. Wer alle vier bis sechs Wochen bei gleichem Licht und gleicher Kopfhaltung ein Foto von Scheitel und Haarlinie aufnimmt, kann den Verlauf später vergleichen. Das nimmt der täglichen Beobachtung ihre Schärfe und macht eine Besserung erkennbar, bevor sie sich im Spiegel eindeutig zeigt.


Stillen, Eisen und Schilddrüse: die Begleitfaktoren

Der hormonelle Umschwung erklärt den Ausfall in den meisten Fällen vollständig. Es gibt jedoch Faktoren, die den Verlauf verlängern oder verstärken können. Sie sind nicht die Ursache des postpartalen Effluviums, sie kommen zusätzlich hinzu. Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf sie, wenn sich nach einem Jahr nichts gebessert hat.

Stillen selbst löst keinen Haarausfall aus. Diese Annahme hält sich hartnäckig, obwohl sich der Zeitpunkt des Ausfalls vollständig aus dem Hormonabfall nach der Geburt erklärt. Was in der Stillzeit allerdings zählt, ist der erhöhte Bedarf an Nährstoffen, der über eine ausreichende Ernährung gedeckt werden muss.


Eisenspeicher nach der Geburt

Blutverlust während der Geburt, der erhöhte Bedarf in der Schwangerschaft und eine knappe Zufuhr danach können die Eisenspeicher absenken. Gemessen wird dafür Ferritin, der Speicherwert des Eisens. Ein niedriger Ferritinwert kann einen bestehenden Haarausfall verlängern, auch wenn das übrige Blutbild noch unauffällig aussieht.

Eine Ergänzung ist dann sinnvoll, wenn ein Mangel tatsächlich gemessen wurde. Eisen ohne nachgewiesenen Mangel einzunehmen bringt für das Haar nichts und kann bei dauerhafter Einnahme belasten. In der Stillzeit gehört die Entscheidung über Präparate und Dosierung ohnehin in ärztliche Hand.


Die Schilddrüse im ersten Jahr

Im ersten Jahr nach einer Geburt kann sich die Schilddrüse vorübergehend entzünden. Der Verlauf ist häufig zweiphasig, mit einer Phase der Überfunktion und einer anschließenden Phase der Unterfunktion. Beide Zustände können Haarausfall auslösen und werden leicht mit der allgemeinen Erschöpfung dieser Lebensphase verwechselt.

Anhaltende Müdigkeit, Herzklopfen, ausgeprägtes Frieren, unerklärliche Gewichtsveränderungen oder eine gedrückte Stimmung sind Gründe, die Schilddrüsenwerte bestimmen zu lassen. Wird eine Funktionsstörung gefunden und behandelt, bessert sich in aller Regel auch das Haar, allerdings mit der üblichen Verzögerung von mehreren Monaten.


Wann es kein normaler postpartaler Verlauf mehr ist

Es gibt Konstellationen, in denen die Erklärung über den Hormonabfall nicht mehr trägt. Dazu gehört ein Ausfall, der über das erste Jahr nach der Geburt hinaus unvermindert anhält, ebenso ein Verlauf, der nach einer deutlichen Besserung erneut zunimmt, ohne dass ein neuer Auslöser erkennbar wäre.

Ebenso wenig passen scharf begrenzte kahle Stellen ins Bild, sie sprechen für eine andere Form des Haarausfalls. Rötung, Schuppung, Brennen oder Schmerzen der Kopfhaut, sichtbar vernarbte Bereiche oder ein Verlust, der sich klar auf den Scheitelbereich konzentriert und dort weiter zunimmt, gehören ebenfalls abgeklärt.

In diesen Fällen klärt eine Untersuchung, was tatsächlich vorliegt. Dazu gehören die Betrachtung der Kopfhaut unter Vergrößerung, die Beurteilung von Haardichte und Haarschaftstärke sowie gezielte Blutwerte. Erst danach lässt sich sagen, ob noch der Nachklang der Schwangerschaft vorliegt oder eine zweite Ursache hinzugekommen ist.

Auch eine erneute Schwangerschaft kurz nach der ersten kann das Bild überlagern, weil sich zwei Verläufe überschneiden und dem Körper wenig Zeit zur Erholung bleibt. Der Ausfall ist dann schwerer einzuordnen. Eine Untersuchung ersetzt in dieser Lage das Abschätzen aus der Erinnerung durch nachvollziehbare Befunde.


Was in dieser Zeit hilft und was nicht

Der wichtigste Beitrag ist unspektakulär: Zeit. Der Zyklus reguliert sich von selbst, sobald der hormonelle Umschwung abgeklungen ist. Alles, was in dieser Phase getan wird, begleitet diesen Vorgang, beschleunigt ihn aber nicht wesentlich. Diese Erwartung von vornherein richtig zu setzen, erspart viel Enttäuschung.

Sinnvoll ist eine ausreichende und abwechslungsreiche Ernährung mit genügend Eiweiß, da der Körper in dieser Zeit ohnehin gefordert ist. Sinnvoll ist außerdem, das Haar mechanisch zu schonen: keine straff gebundenen Zöpfe, keine dauerhafte Zugbelastung an der Haarlinie, zurückhaltender Umgang mit Hitze und chemischen Behandlungen.

Wenig bis nichts leisten dagegen Shampoos, die ein Ende des Ausfalls in Aussicht stellen, und Kapselkuren ohne nachgewiesenen Mangel. Sie greifen nicht in den Zyklus ein, der hier die Ursache ist. Waschen und Bürsten verursachen keinen Ausfall, sie lösen lediglich Haare, die ohnehin bereits abgestoßen waren.

Daneben helfen schlichte praktische Dinge. Ein Schnitt, der das kürzere Nachwuchshaar gut einbindet, statt Fülle vortäuschen zu müssen, erleichtert diese Monate spürbar. Und das Wissen, dass die Phase zeitlich begrenzt ist, entlastet, denn die Sorge um das Haar fällt in eine ohnehin fordernde Zeit.


Warum Wirkstoffe hier meist nicht der erste Schritt sind

Beim erblich bedingten Haarausfall gibt es Wirkstoffe, die den Verlauf beeinflussen. Das postpartale Effluvium ist jedoch kein fortschreitender Prozess, sondern ein einmaliger, sich selbst begrenzender Vorgang. Ein Mittel gegen einen Zustand einzusetzen, der von allein wieder endet, ist medizinisch schwer zu begründen.

Hinzu kommt die besondere Situation in Schwangerschaft und Stillzeit. Für die bei Haarausfall gebräuchlichen Wirkstoffe gelten in dieser Zeit Einschränkungen, teils sind sie ausdrücklich nicht anzuwenden. Eine pauschale Empfehlung verbietet sich daher, und die Entscheidung über jedes einzelne Präparat gehört in die Hand der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes.

Das gilt auch für frei verkäufliche Produkte und Nahrungsergänzung. Wenn Sie stillen, besprechen Sie jede Einnahme vorab ärztlich, unabhängig davon, wie harmlos ein Produkt beworben wird. Ein Befund, der einen Mangel oder eine Funktionsstörung benennt, ist die tragfähigere Grundlage für diese Entscheidung als eine Vermutung.


Was bleibt, wenn sich die Haarlinie verändert hat

Bei einem Teil der Frauen kehrt die Dichte weitgehend zurück, die vordere Haarlinie wirkt jedoch dauerhaft schütterer als vor der Schwangerschaft, besonders an den Schläfen. Häufig steckt dahinter nicht das Effluvium allein, sondern eine bereits vorher angelegte Veranlagung, die durch den Ausfall früher sichtbar geworden ist.

Vor einer solchen Einschätzung sollte mindestens ein Jahr nach der Geburt vergangen sein, besser mehr. Vorher lässt sich nicht sauber unterscheiden, was noch nachwächst und was tatsächlich fehlt. Wer zu früh urteilt, hält eine Zwischenphase für ein Endergebnis und entscheidet auf einer Grundlage, die sich noch verändert.

Eine Rolle spielt außerdem die weitere Familienplanung. Ist eine weitere Schwangerschaft vorgesehen, spricht viel dafür, einen Eingriff zurückzustellen, weil der nächste hormonelle Umschwung dann noch bevorsteht. Sinnvoll wird eine Verpflanzung erst, wenn der Ausgangszustand über längere Zeit stabil bleibt und sich nicht mehr wesentlich verändert.

Bleibt danach eine Lücke bestehen und ist die Ursache geklärt und stabil, kann eine Verpflanzung an der Haarlinie infrage kommen. Die Planung folgt bei Frauen anderen Regeln als bei Männern, weil das umgebende Haar meist erhalten ist und geschont werden muss. Was dabei zu bedenken ist, beschreibt die Seite zur Haartransplantation bei Frauen.


Fazit: In den meisten Fällen ein vorübergehender Verlauf

Der Haarausfall nach einer Schwangerschaft folgt einem nachvollziehbaren Muster. Was während der Schwangerschaft aufgeschoben wurde, wird nach der Geburt gemeinsam abgestoßen. Der Verlauf beginnt einige Monate nach der Entbindung, erreicht einen Höhepunkt und klingt bei den allermeisten Frauen im Laufe des ersten Jahres wieder ab.

Anlass zur Abklärung besteht, wenn der Ausfall über dieses Zeitfenster hinaus anhält, wenn kahle Stellen entstehen oder wenn Beschwerden der Kopfhaut hinzukommen. Dann sollte ein Befund am Anfang stehen und kein Mittel. Wenn Sie Ihren Verlauf in Ruhe einordnen lassen möchten, erreichen Sie uns über den Kontakt.


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